Quetzal e. V.
- Verein zum Schutz der Nebelwälder und zur Unterstützung der Maya-Kekchi-Indianer -

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Mirko Hauswirth

Die Provinz Alta Verapaz
Die Provinz Alta Verapaz liegt östlich von Cobán zwischen dem Río Polochic und Río Cahabón. Die Koordinaten des Gebietes liegen bei 15°18' - 15°24' nördlicher Breite, 90°02' - 90°15' westlicher Länge und hat eine Höhenlage von 1500 - 2500 Metern üNN. Der Gebirgszug "Sierra Aj Poop B'atz'" besteht aus den drei einzelnen Gebirgszügen Sierra Caquipec, Sierra Guaxac und Sierra Yalijux und besteht geologisch aus stark verkarsteten, dolomitischen Perm-Kalken.
Die Trockenzeit ist ca. von März bis Mai, dementsprechend die Regenzeit von ca. Mai bis Februar. Bei ca. 4000 mm Niederschlag pro Jahr und einer relativen Luftfeuchte zwischen 80 und 98 % ist das Gebiet dem klimatischen Vegetationsgebiet der "Tierra fria", d. h. Nebelwälder mit Eichen bei 9-10 humiden Monaten zuzurechnen (alle Angaben aus BIDAS 1999, Knapp 1965 und Weyl 1980).
In der Sierra Aj Poop B'atz' kollidieren die Interessen der landsuchenden Bevölkerung besonders stark mit den nationalen und internationalen Bestrebungen, die bedrohten Nebelwälder zu erhalten. 
In dieser konfliktiven Region hat sich ein Projekt entwickelt, das sich bemüht, Landnutzung und Regenwaldschutz zu integrieren. Welche Strategie und welche Konzepte dazu eingesetzt werden, wird im Folgenden erörtert.


Lage Guatemalas in Zentralamerika

 

Zerstörung des Nebelwaldes in der Sierra Aj Poop B'atz' und bisherige Landnutzung
Die quetzalreichen Nebelwälder der Sierra Aj Poop B'atz' umfassen eine Fläche von ca. 55 km² von der Gesamtfläche des Projektgebietes von 273 km². Ihre Zerstörung geht ausschließlich von dort vordringenden, landsuchenden Indianern aus. Die Indianer gehören zu den K'eckchis, einer Maya-Ethnie mit eigener Sprache und fest verwurzelten Traditionen (Wilson 1995). Im Tiefland und in den westlichen Hochebenen Guatemalas finden sie kein Land mehr. Deshalb sind die Familien gezwungen, in unwirtliche, bisher nicht erschlossene und steile Berglagen auszuweichen und dort Brandrodungsfeldbau zu betreiben.
Mit Macheten und mittlerweile Motorsägen werden Nebelwälder bzw. Sekundärvegetationen gerodet und nach einer zweiwöchigen Trocknungsphase verbrannt.


K'eckchi-Männer auf einer gerodeten Fläche
(Foto: U. Schulz 2000)

Die Brandrodungsflächen werden fast ausschließlich zum Maisanbau genutzt. Der als heilig angesehene Mais wird im März/April unter Einhaltung fester Rituale gepflanzt. Dazu gehen die Männer einer Gemeinde parallel den Hang hoch, bohren mit einem Pflanzstock Saatlöcher und versehen sie mit fünf bis sechs Maiskörnern. Auch die Ernte im Oktober wird gemeinsam durchgeführt. Inmitten der Mais- und Brachefelder leben die K'eckchi in einfachen, grasbedeckten Holzhütten.
Jede Indianerfamilie besitzt etwa 5 ha Land und bewirtschaftet davon jährlich 1-2 Hektar mit Mais (und Bohnen als Begleitfrucht).
Darauf wird ein Ertrag von 25 bis 50 Zentner Mais erwirtschaftet, was nicht reicht, um eine Familie (mit durchschnittlich sechs Kindern) ein ganzes Jahr zu ernähren. Die Familie muss entweder hungern, oder die Väter und älteren Söhne müssen sich als saisonale Tagelöhner in tiefer gelegenen Kaffe- und Kardamomplantagen verdingen. Mit dem Lohn können sie dann Mais und andere Lebensmittel auf tiefer gelegenen Märkten zukaufen. Die Sierra Aj Poop B'atz' ist weder durch Strassen noch durch Strom erschlossen und gehört zu den am wenigsten entwickelten Gebieten Guatemalas mit extremer Armut, ca. 75 % Analphabetentum und hoher Kindersterblichkeit (Bidas 1999). Durch das Bevölkerungswachstum und unkontrollierte Geburtenraten wird der Druck auf die verbliebenen 55 km² noch weiter ansteigen.

 

Bevölkerung:
Einwohner: Maya-K'eckchi-Indianer
Sprache: K'eckchi (vereinzelt Spanisch als Zweitsprache)
Einwohnerzahl: ca. 6000 (in 34 Gemeinden)
Analphabetenrate: ca. 75 %

 

Das "Proyecto Ecologico Quetzal"
Das "Proyecto Ecológico Quetzal" (PEQ) wurde 1990 in der Sierra Aj Poop B'atz' gegründet, um die Nebelwälder mit ihrer Zielart Quetzal zu erhalten und um den Anrainern aus ihrer Armut zu helfen (Unger 1990, Bidas 1999).


einige Projektmitarbeiter 1998
(Foto: Hauswirth 1998)

Es ist der guatemaltekischen Nicht- Regierungs- Organisation BIDAS (Asociación Biósfera y Desarrollo Agrícola Sostenible) unterstellt, die politisch unabhängig und ohne eigenen Profit arbeitet. Die meisten der derzeit 13 Projektmitarbeiter sind lokale Landwirtschaftsberater ("Promotoren"), die aus den Dörfern im Projektgebiet stammen. 12 weitere Mitarbeiter wurden bis 1998 als Lehrer für die vom Projekt aufgebauten Kleinschulen angestellt. 
Ihre Finanzierung und Betreuung ist jedoch inzwischen von der staatlichen Schulbehörde (PRONADE) übernommen worden.

 

Projektstrategie: Integration von Schutz und Nutzung
Die Gesamtstrategie des Projektes läuft mehrgleisig. Einerseits wird die Unterschutzstellung und sanfte Nutzung einzelner Nebelwaldgebiete vorbereitet und organisiert. Andererseits wird durch unterschiedliche Konzepte versucht, den Rodungsdruck auf die Nebelwälder zu mindern und den Indianern langfristige ökonomische Alternativen zur Brandrodung zu bieten. Die einzelnen Landnutzungskonzepte werden im folgenden vorgestellt.

 

Schutzausweisung einzelner Nebelwaldflächen:
Bevor einzelne Nebelwaldflächen unter Schutz gestellt werden können, müssen die Besitzverhältnisse der Flurstücke geklärt werden. In lokalen Umfragen wurden die Eigentümer ermittelt. Später wurden die (z.T. nur vage bekannten) Flurgrenzen und deren Eigentümer über Grundstückskarten des Katasteramtes bestätigt. Die Grundstücksgrenzen wurden digitalisiert und mit den Karten über die Waldverteilung verschnitten. Erst durch die so neu erhaltene Karte ist deutlich ablesbar, welche Nebelwaldflächen welchen Besitzern zugeordnet werden können.
Der weitaus größte Teil der Flächen war Eigentum einiger Finceros (Kaffeefarmer).


Primärwald
(Foto Schulz 2000)

Das PEQ hat ihre wertvollsten Nebelwaldflächen ermittelt und die Unterschutzstellung dieser Flächen organisiert. 47 Hektar Nebelwald wurden vom PEQ aufgekauft, weitere 270 Hektar Nebelwald werden im Auftrag eines Finceros als Schutzgebiet verwaltet. An guatemaltekische Naturschutzorganisationen ("Audobon Guatemala", "Amigos de Bosques") und an private Naturschützer wurde der Verkauf weiterer Nebelwaldabschnitte vermittelt. 
Dadurch sind inzwischen ca. 65 % der gesamten Nebelwaldflächen im Projektgebiet geschützt.
Staatliche Anerkennung und finanzielle Förderung dieser Flächen als private Schutzgebiete werden gerade bei der staatlichen Naturschutzbehörde (CONAP) und der obersten Forstbehörde (INAB) beantragt. In diesem Rahmen soll eine sanfte Nutzung der Wälder durch die Indianer erlaubt bleiben. Sie entnehmen dem Wald Einzelstämme für Hüttenbau bzw. Schnitzhandwerk und Nicht-Holz-Produkte wie Pilze, Medizinalpflanzen und Schnur-Lianen (CORDOVA 1999). Mögliche Auswirkungen dieser Eingriffe auf ausgewählte Zielarten werden im Rahmen eines Biomonitoring-Programmes gemessen (Eisermann & Schulz 1999).

 

Nutzungskonzepte
In einer langjährigen Entwicklungsphase wurden verschiedene Konzepte zur ökologisch und sozial verträglichen Nutzung der bereits gerodeten Flächen und der Nebelwälder zusammen mit der Bevölkerung entwickelt und z.T. auf Versuchsflächen getestet.

 

"Maisrevolution" zur Optimierung der Landwirtschaft auf bereits gerodeten Flächen:
Um den Druck der Anrainer-Bevölkerung auf die Nebelwaldflächen zu entlasten und um ihnen langfristige Alternativen dazu zu bieten, wurden landwirtschaftliche Konzepte entwickelt, die einen produktiveren und nachhaltigen Anbau auf den bereits gerodeten Flächen ermöglichen. Erfahrungen aus anderen Projekten können dabei nur partiell übernommen werden, weil sie meist unter völlig anderen Bedingungen entstanden (siehe z.B. Pohlan et al. 1996).

Bauern auf einer Brandfläche
Bauern bei der Maissaat auf einer Brandfläche
(Foto: U. Schulz 2000)

Notwendig sind neue Anbaumethoden geworden, da die bisher praktizierten Maisanbauverfahren der Indianer zu starken Bodenerosionen führten. Die K'eckchi-Bauern sind Landsuchende aus tiefergelegenen Gebieten, weshalb ihre über Generationen tradierte Anbauweise nur an die Bedingungen im Flachland Guatemalas angepasst ist. An den steilen Hanglagen des Projektgebietes führt es jedoch zu einer rapiden Bodenverschlechterung innerhalb weniger Jahre. Auf vegetationsfreien Steilhängen kann tropischer Starkregen die fruchtbare Erde innerhalb von Stunden wegspülen (Vahrson 1997). 
Infolgedessen sind im Extremfall auf Steilflächen rentable Maisernten nur in einem einzigen Anbaujahr möglich. Um den Ertrag auf den Maisflächen zu steigern und um den Boden nachhaltig zu schützen, wurden neue Anbauverfahren in z.T. siebenjährigen Versuchsreihen auf den landwirtschaftlichen Versuchsparzellen erprobt. Dabei standen Bodenschutz, Ertragssteigerung und Einführung ergänzender Feldfrüchte bzw. neuartiger Anbauverfahren im Vordergrund. Verfahren, die sich hier bewährten, wurden 1997 in einem landwirtschaftlichen Konzept unter dem Titel "Maisrevolution" zusammengefasst. Sie sind gezielt auf die standörtlichen, klimatischen und sozialen Verhältnisse im Projektgebiet zugeschnitten. Die wichtigsten Änderungen durch die "Maisrevolution" sind in Tab. 2 zusammengefaßt.
 

bisheriger Maisanbau

neuer Maisanbau ("Maisrevolution")

Roden, Trocknen, Verbrennen der Halme und Beikräuter vor der Aussaat Kappen der Halme und Beikräuter
Zerteilen und Liegenlassen ("Mulchen")
   
nicht der Hanglage angepasste
Ausrichtung der Pflanzstreifen und 1 m Abstand der Saatlöcher
Reihenanpflanzung entlang der Höhenlinien und 0,3 m Abstand der Saatlöcher
   
keine Erosionsschutzbarrieren Anlage von Erosionsschutzbarrieren aus Pflanzen und Steinen entlang der Höhen linien

Tab. 2: Umstellung des Maisanbaus auf bereits gerodeten Flächen
in der Sierra Aj Poop B`atz`


Die Umstellung des Maisanbaus beinhaltet v.a. das Unterlassen des bisher üblichen Abbrennens der Maisfelder nach der Ernte. Statt dessen sollen die Maispflanzen am Standort gemulcht werden, um den Boden vor weiterer Erosion zu schützen und um die Humusanreicherung zu forcieren (dazu siehe z.B. Manshard & Mäckel 1995). 
Dem gleichen Zweck dienen neu angelegte Schutzhecken aus autochthonen Straucharten. Auch die Anpflanzung wird geändert. Statt der bisher üblichen wahllosen Anordnung der Saatlöcher, werden die Maiskörner nun in Reihe entlang der Höhenlinien gesetzt. Es ist seit langem bekannt, dass dadurch Erosionsschäden an Hanglagen vermindert werden (siehe z.B. Bastian 1974).
Vielen Maya-Indianern fällt es jedoch wegen der strengen Traditionen aus dem Tiefland und wegen eines historisch bedingten Misstrauens schwer, solche landwirtschaftlichen Neuerungen anzunehmen (Wilson 1995). Um Anreize zur Umstellung zu geben, wird den Teilnehmern der Maisrevolution deshalb die Anlage von Finquitas (siehe unten) angeboten.
Alle neuen Konzepte wurden nach langjährigen Vorversuchen auf eigenen Maisfeldern von den lokalen Promotoren vermittelt. Da die Indianer einer Gemeinde gemeinschaftlich die Einzelflächen besäen, mussten ganze Gruppen und hier besonders die Meinungsträger (Dorfältesten) überzeugt werden. 

Bauern bei der Erfolgskontrolle
Bauern bei der Erfolgskontrolle
(Foto: U. Schulz 2000)

Promotor bei der Erfolgskontrolle
Erfolgskontrolle im Maisfeld
(Foto: U. Schulz 2000)

Dies war nur durch die Vermittlungstätigkeit der K'eckchi sprechenden Projektmitarbeiter möglich, die gleichzeitig alteingesessene Gemeindemitglieder sind.

Inzwischen haben sich im Projektgebiet 96 Bauern der "Maisrevolution" angeschlossen.
Auf ihren Feldern waren bisher die Ernten erwartungsgemäß weder höher noch geringer als auf herkömmlich behandelten Flächen, doch es lässt sich schon eine Anreicherung organischen Materials feststellen. Die Maisrevolution ist somit eine Maßnahme, die mittelfristig wirkt; spürbare Besserungen sind erst in den nächsten Jahren zu erwarten.

 

 

"Finquitas" zur Optimierung der Landwirtschaft auf bereits gerodeten Flächen:
Auf den Versuchsflächen des Projektes wird auch die Einsatzmöglichkeit weiterer Feldfrüchte getestet, die in der Sierra Aj Poop B'atz' bisher nicht angebaut wurden. Diese Früchte sollen sowohl der Eigenversorgung als auch zum Verkauf auf lokalen Märkten dienen. Feldfrüchte, die in dem kalten, feuchten Klima des Projektgebiets (Tab.1) gedeihen, sind z.B. Kartoffeln, Mohrrüben und Kohl. Obstbäume, die in diesem Klima Früchte tragen und von Krankheiten bzw. Schädlingen wenig beeinträchtigt werden, sind Pflaume, Passionsfrucht, Nektarine und Pfirsich.

Anzucht von Pflanzen
Anzucht von Pflanzen
(Foto: U. Schulz 2000)

Interessierten Indianerfamilien wird vom Projekt die Einrichtung sogenannter Finquitas ("Kleinerwerbs-Obstgärten") nahe ihrer Hütten angeboten. Mit Samen, Setzlingen und Pflanzhilfen werden sie technisch unterstützt.
Ein Student der FH Eberswalde und ehemaliger Gartenbauer gab Kurse über das Pflegen, Schneiden und Veredeln der Obstbäume (Thielemann 1998). Von ihm ausgebildete Promotoren übernahmen anschließend die Betreuung der Obstanlagen. Im Jahr 1999 wurden 4600 Obstbäume in 23 Anlagen gepflanzt. 
Grundsätzlich werden den K'eckchi-Bauern nur die Feldfrüchte und Anbauformen vermittelt, die sich in den gemeinsamen Versuchsanlagen über Jahre bewährt haben. Partnerschaftlich mit den Bauern übernimmt das Projekt die Vermarktung der Früchte.

 

Ökotourismus:
Ein völlig anderes, parallel laufendes Konzept, um die Indianer von der weiteren Brandrodung der Nebelwälder abzuhalten und sie gleichzeitig mit Ersatzeinkommen zu versorgen, ist der Öko-Tourismus ("low impact tourism"). Der Besuch von Rucksacktouristen bei den K'eckchi-Indianern wird vom Projektbüro in Cobán aus organisiert. Touristen bekommen dort die Informationen und Anweisungen, die sie für die Wanderung in die Berge und für den Aufenthalt in den Indianerhütten brauchen. Über Funk verständigte Gastfamilien holen die Touristen ab und leiten sie bei einem ca. dreistündigen Marsch in das Projektgebiet.

Aufstieg in das Projektgebiet
Aufstieg in das Projektgebiet
(Foto: Hauswirth 1998)

Das Ökotourismus-Konzept wurde vorerst in zwei Gemeinden mit starker Rodungsaktivität (Chicacnab und San Lucas) eingeführt. Hier leben 27 Familien auf Rodungen in direkter Nachbarschaft zu intakten Nebelwäldern. In ihren einfachen Holzhütten werden die Rucksacktouristen aufgenommen und mit Mahlzeiten und Schlafplätzen versorgt. Die Ökotouristen nehmen am einfachen Leben der Indianer teil und lassen sich von ihnen die Nebelwälder zeigen. Die Gastfamilien erhalten im Gegenzug für Unterkunft, Verpflegung und Führungen eine Entlohnung, die für jeden Ökotouristen tragbar ist.
Bei dem durchschnittlichen Aufenthalt von zwei Ökotouristen für drei Tage erhält die Gastfamilie umgerechnet 26,- $ (zu den Einzelposten siehe Tab. 3). Von diesem Betrag kann die Familie ca. 260 Pfund Mais zukaufen. Wären die männlichen Mitglieder gezwungen, dieses Geld als Tagelöhner zu erwirtschaften (siehe Tab. 3), dann müssten sie in dieser Zeit wiederum ihre Felder vernachlässigen.
Die Indianer haben erkannt, dass die Touristen hauptsächlich kommen, um die Nebelwälder zu sehen und die dort lebenden Pflanzen und Tiere kennen zu lernen. Somit haben sie einen direkten Anreiz, die Nebelwälder zu erhalten.
Innerhalb eines Jahres sind ca. 200 Touristen in die Gemeinde Chicacnab gewandert und haben jede der teilnehmenden Gastfamilien mit ca. 180 $ versorgt. Jede Familie, die Touristen aufnehmen will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen (z.B. aus hygienischen Gründen eine Latrine bauen) und wird dann von Projektmitarbeitern über Gewohnheiten und Ansprüche von Touristen informiert. Um Öko-Touristen anzulocken und zu informieren, wurden eine Website sowie Plakate, Faltblätter und Broschüren entwickelt (z.B. Schulz & Berger 1998). Letztere werden im ganzen Land an den Knotenpunkten von Touristenrouten ausgelegt.


Ökotouristin im Nebelwald
(Foto: Berger 1998)

 

Einkommen einer Indianer-Familie durch Ökotouristen (in $)

1 x Übernachtung in Indianer-Hütte:

0,85

1 x Mahlzeit in Indianer-Hütte

0,85

Führung in das Projektgebiet durch Indianer:

4,17

Führung aus dem Projektgebiet durch Indianer:

4,17

Tragen von Gepäck/Ausrüstung:

3,34

Naturführung (Zeigen und Erklären des Nebelwaldes):

4,17

zum Vergleich (in $):

Tageseinkommen der Männer als Saisonarbeiter auf Kaffee- und Kardamomfarmen:

3,- bis 8,-

Preis für 10 Pfund Mais:

1,-

Tab. 3: Zusatzeinkommen für Indianer-Familien durch Ökotouristen

 

Ornithologen im Projektgebiet
Ornithologen im Projektgebiet
(Foto: Schulz 2000)

Einzelne Gemeindemitglieder, die spanisch sprechen können, werden als Naturführer für Touristen ausgebildet.
Anhand von Zeichnungsvorlagen, Lehrbüchern und Tonbandaufnahmen üben sie das Wiedererkennen von nebelwaldtypischen und touristisch relevanten Organismen (v.a. Vogel- und Säugerarten). Zusätzlich zu den K'eckchi-Ausdrücken lernen sie die englischen und spanischen Namen von ca. 30 Pflanzen- und Tiernamen. Für die Führung in die Nebelwälder sowie das Zeigen und Erklären der auffälligen Organismen werden die speziell ausgebildeten Naturführer zusätzlich entlohnt (siehe Tab. 3).

 

Produktion und Vertrieb von Naturkerzen und Kunsthandwerk:
Ein kleineres, weiteres Einkommen erhalten einige Indianer durch den direkten Verkauf von Kunsthandwerk an die Touristen. Frauen weben und sticken Textilien mit mayatypischen Mustern oder verarbeiten die Fasern der Sisalagave zu Tragetaschen und Hängematten. Manche Männer stellen in ihren Hütten aus Hölzern, die sie einzeln dem Nebelwald entnommen haben, Schnitzereien her. Die Motive der Halbreliefs sind meist Maya-Gottheiten und Quetzalvögel. Je nach Begabung und Neigung entscheiden sich die verschiedenen Indianerfamilien bzw. Familienmitglieder für unterschiedliches Kunsthandwerk.

K'eckchi-Frauen bei der Herstellung von Textilien
K'ekchi - Frauen bei der Herstellung von Textilien
(Foto: Unger 1997)

José-Maria Xól mit Schnitzereien
José-Maria Xól mit seinem Sohn
(Foto: Berger 1998)

Den größten Absatz im Kleingewerbe haben Kerzen, die von den Indianern aus den wachshaltigen Früchten einer Brachepflanze hergestellt werden. Dieser Strauch (Myrica cerifera) wächst noch auf den schlechtesten Böden der ausgelaugten Brachfelder und ist somit eine wichtige Einnahmequelle gerade für die ansonsten landwirtschaftlich benachteiligten Familien. Die ca. 3 mm großen Früchte des häufigen Strauches werden in mühevoller Kleinarbeit abgesammelt, um anschließend das Wachs über Hüttenfeuern auszusieden. Das Projekt hat eine kleine Manufaktur gegründet, in der mit einfachen Hängevorrichtungen Kerzen gezogen und weiterverarbeitet werden.


Kerzenherstellung
(Foto: Schulz 2000)

Die Kerzen werden mit großem Erfolg auf guatemaltekischen Märkten und ins Ausland verkauft. Mit diesem Projektkonzept fällt den Anrainern des Nebelwaldes ein beträchtlicher Gewinn zu, der sich über viele Familien verteilt. Im vergangenen Jahr erhielten etwa 150 Familien zusammengenommen $6000 für das erzeugte Kerzenwachs. Dieses Einkommen trifft in eine Jahreszeit (August), in der die Bauern im allgemeinen keine Maisvorräte vom Vorjahr mehr haben, aber auch noch keine Arbeit als Tagelöhner finden. 

Die Wachsernte befreit die Bauern vom jahreszeitlichen Hungern und hält sie vom weiteren Roden ab. Dieses positive Warenimage wiederum kommt dem Verkauf der Kerzen zugute.

 

Abschließende Betrachtungen:

Das Proyecto Ecológico Quetzal hat für eine hoch konfliktive Zone Guatemalas Konzepte entwickelt, die Naturschutz und Landnutzung durch die Anrainer integrieren. In enger Nachbarschaft zu sanft genutzten Nebelwaldschutzgebieten liegen Flächen, die mit den oben beschriebenen Verfahren nachhaltig genutzt werden. Bereits gerodete Flächen werden durch die Maisrevolution effektiver genutzt, bisher brach liegende Flächen lassen durch die Produktion von Naturwachs neue Einkommen zu und bisher als nutzlos bzw. als störend angesehene Nebelwälder erhalten durch den Ökotourismus für die Indianer eine völlig neue Wertschätzung. Entsprechend der "use it or loose it"-These von Freese (1997) deutet sich auch hier an, dass die Regenwälder und ihre Pufferzonen nur weiterbestehen können, wenn sie ökonomisch erfolgreich genutzt werden.

Ökotourismus
Den größten Beitrag hierzu liefert der Ökotourismus. Seit dem Start des Ökotourismus-Programms haben die beteiligten Indianerfamilien keine neuen Nebelwaldflächen mehr gerodet. Durch den Ökotourismus wurde ihnen klar, dass der Schutz der Nebelwälder ihren Eigeninteressen entspricht. Dieses Konzept erfüllt gleichzeitig die Kriterien, die von Steck et al. (1999) zur Evaluierung aufgestellt wurden. Es ist ökologisch und soziokulturell verträglich, es schafft Benefits für Schutzgebiete bzw. für die lokale Zielgruppe und es fördert das Bewusstsein für Natur- und Ressourcenschutz. Wegen der bisherigen Erfolge und da der Tourismus seit Bürgerkriegsende auch in Guatemala zu expandieren beginnt (Perez 1998), soll das Ökotourismuskonzept auf diejenigen Gemeinden der Sierra übertragen werden, die nach wie vor Nebelwald roden.

Man fragt sich natürlich, ob Touristen aus anderen Kulturen mit teuren Ausrüstungen nicht auch Schaden anrichten, Bedürfnisse wecken und eine "soziale Kontamination" (Ellenberg et al. 1998) bewirken. Aber einerseits ist diese Frage angesichts des drohenden Hungers fast zynisch, andererseits kann man eine zunehmende kulturelle Beeinflussung der K'eckchi sowieso nicht verhindern, spätestens ab der - bereits geplanten - Erschließung des Projektgebietes mit Straßen und Elektrizität. Durch das PEQ wird die Entwicklung zumindest zugunsten der Indianer kanalisiert. Dazu diente auch der Aufbau der Grundschulen.

Landwirtschaft
Während das Ökotourismus-Konzept sehr schnell wirksam wird, brauchen die landwirtschaftlichen Konzepte längere Anlaufzeiten. So waren für die Konsolidierung der Kerzenproduktion ca. drei Jahre notwendig, erste Erfolge bei der Umstellung des Maisanbaus erfordern noch mehr Jahre, und beim Obstbau ist noch mindestens zehn Jahre zu rechnen. Dies jedoch gehört zur Projektstrategie. Mit den Anrainern sollen, eng angepasst an die regionalen Bedingungen, Alternativen entwickelt werden, die zwar nur langsam greifen, dafür aber langfristig bzw. nachhaltig wirksam sind. Bewusst wird von den Anrainern der Schutz der Wälder nur in dem Maße eingefordert, wie zusammen mit ihnen ökonomische Alternativen geschaffen wurden. Erst wenn die Alternativen zur Brandrodung mehr Gewinn abwerfen, können die Wälder - ohne Subventionierung durch Naturschutzinstitutionen - geschützt werden. Deshalb konnte die Rodung der Nebelwälder bisher zwar nicht völlig verhindert werden, zumindest aber wurde das Tempo der Regenwaldvernichtung gemindert (und das bei starkem Bevölkerungswachstum). Die Langwierigkeit der landwirtschaftlichen Konzepte ist auch klimatisch und soziokulturell bedingt. So musste erst erprobt werden, welche Obstarten und -sorten bzw. welche Feldfrüchte bei dem kalt-feuchten Klima resistent gegen Krankheiten und Schädlinge sind. Dazu wurden sie zuerst nur auf projekteigenen Versuchsflächen angebaut. Bei Erfolgen sehen die K'eckchi-Bauern dann "über den Zaun" und fragen, wie der vom Projekt angestellte Landwirt mit einfachen Verfahrensänderungen unter sonst gleichen Bedingungen mehr erwirtschaften kann. Damit wird das bei K'eckchi tief verwurzelte Misstrauen (Wilson 1995) überwunden und die Gefahr der Bevormundung gemindert, die beim Auftreten von weißhäutigen "Experten" in fremden Ethnien mit festen Traditionen schnell auftreten kann. Gleichzeitig muss betont werden, dass die K'eckchi-Indianer in diesem Naturraum fast ebenso fremd sind wie die Europäer, weil sie ursprünglich aus den tieferen Lagen stammen. Sie sind kein "Regenwaldvolk" wie z.B. die in Nordguatemala (Petén) lebenden Lakandonen-Indianer. Viel Wissen ist des weiteren durch den Bürgerkrieg verloren gegangen, in dem systematisch versucht wurde, die Kultur der Maya-Ethnien zu zerstören (Wilson 1995). Das Wissen über die Kerzenherstellung aus Arrayan-Früchten z.B. war am Aussterben. Beim Wachssieden müssen bestimmte Kochzeiten und Prozeduren eingehalten werden, was einer alten Mayatradition entspricht, aber erst durch das Projekt reaktiviert wurde.

Integration statt Segregation
In diesem Integrationsprojekt verstehen sich Naturschutz und Bevölkerung also, wie von Mcneely (1990) gefordert, als Partner und nicht als Gegner. Ein gegensätzliches Bild ergibt sich bei anderen Waldschutzprojekten in Guatemala, die eher die Strategie der Segregation verfolgen. Nordwestlich von Cobán liegt z.B. das Regenwaldschutzgebiet "Parque Nacional Laguna Lachua". In diesem 14000 Hektar großen Nationalpark werden die Landnutzungsbedürfnisse der K'eckchi-Bevölkerung nicht angemessen berücksichtigt, was zu massiven Konflikten führt. Der ganze Wald ist von Wegen und Plätzen durchzogen, auf denen die Anrainer Edelhölzer illegal fällen und noch im Wald zu Brettern zersägen. Die Bretter werden zu den umliegenden Dörfern getragen und dort an gut organisierte Zwischenhändler verkauft. Wegen der zunehmenden illegalen Fällungen wird inzwischen überlegt, die Nationalpark-Ranger ähnlich wie in weiteren Schutzgebieten Guatemalas zu bewaffnen (mündl. Mitt. Byron Cordova, sowie Deras & Bautista 1999).

Im Falle des Nationalparks Laguna Lachua wirkt die Segregations-Strategie also schnell, aber nicht nachhaltig. Ohne Waffengewalt ist der jetzige Schutzstatus dieses Waldes nicht zu halten, da die K'eckchi-Indianer mit ihren Landnutzungsbedürfnissen alleine gelassen werden. Zusätzlich werden mit dieser Strategie die Waldflächen außerhalb der Schutzgebietsgrenzen verloren gegeben (siehe auch Clay 1988, Ammer et al. 1995).

Die Integrationsstrategie des PEQ in der Sierra Aj Poop B'atz' wirkt hingegen langsam, aber nachhaltig. Sie hat in enger Zusammenarbeit mit K'eckchi-Indianern ein Bündel regional angepasster Konzepte geschaffen, die auf Dauer eine ökonomisch tragbare Alternative zur Brandrodung der Wälder darstellen. Eine Übertragung dieser Integrationskonzepte auf andere Waldgebiete Guatemalas, bei starker Beachtung regionaler Gegebenheiten, wäre wünschenswert.

 
 

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Stand: 01. März 2005